Corona bewerten. Realsatire „Systemrelevanz“

Seit der Staat sein Milliarden-Programm zur Rettung der Wirtschaft aufgelegt hat, lernen wir täglich dazu, wer unsere Gesellschaft trägt: wer wirklich-wirklich wichtig ist dafür, dass der Laden läuft. Autohersteller zum Beispiel, die Lufthansa, aber auch KMU und größere mittelständische Betriebe, ebenso Selbständige, Großkonzerne wie Adidas erhalten Kredite.

Nachdem die erste Unterstützungswelle langsam abebbt, wird eine zweite angeschoben: durch einen Langfristwettbewerb um Systemrelevanz. Universitäten bewerben sich; das ist nachvollziehbar, denn ohne gut ausgebildete Leute bräuchte man Automobil- und Luftfahrtkonzerne gar nicht erst zu fördern. Auch die Kunst bewirbt sich: Da reibt sich die kulturinteressierte Bürgerin schon eher die Augen. Schlingensief, Achternbusch, Flash-Mob und Banksy: alle systemrelevant? So geht lebenslanges Lernen. Bei Kindergärten, Schulen und sozialem Wohnungsbau wird vorerst geschwiegen, für die Pflege gabs immerhin schon mal Applaus.

Auf welchen Säulen dieses „System“ tatsächlich ruht, weiß offenbar niemand – das ist die Lektion des aktuellen Rat Race. Für Systemrelevanz infrage kommt im Augenblick gefühlt alles und jede*r. Wenn eine Gesellschaft selbst nicht mehr weiß, was für sie wichtig ist, erscheint es indes plausibel, wenn diejenigen mehr werden, die eine solche Gesellschaft ablehnen. Derzeit laufen unserer zunehmend die Leute davon – interessant, wie sehr das alle verwundert. Was die Flüchtenden womöglich umstimmen könnte: Wenn diejenigen, die sich wundern, ihre Maßstäbe und Prioritäten einmal benennen würden. Weil das aber, vor dem Hintergrund der bereits vollzogenen Praxis, ohne Gesichtsverlust von „Führung“ kaum mehr möglich ist, nehmen sowohl der soziale Trotz als auch die künstliche Aufregung über ihn zu. – Soziale Befriedung in #C-Zeiten sähe anders aus.