Corona bewerten. Deutschland im Stuck State

Stuck State ist ein Begriff aus einer Sammlung von Kommunikationstechniken (NLP) im Umkreis des Human Potential Movement. Er beschreibt treffend die aktuelle Stimmungslage nicht aller, aber vieler Menschen im Land – und in den Betrieben: einen mental festgefahrenen Zustand, der auch körperlich Spuren hinterlässt. Viele haben Schwierigkeiten, in Sachen #C ein klares Vorgehen ins Auge zu fassen, eine Haltung zu finden und geistig flexibel zu reagieren. Derlei entsteht durch Stress. Eine herausfordernde Situation, gepaart mit Negativ-Wertungen, alten Erfahrungen oder einem mäandernd-verunsicherndem Umfeld, blockiert die Zugänge zu Ideen, Vorankommen, Anfängen, Zutrauen in Versuche. Der Kopf schaltet um auf Notprogramm, da sind wir gerade.

Sie finden das übertrieben? Zahlreiche Menschen empfinden in Richtung Öffentlichkeit, zur Art und Weise, wie wir über die Krise derzeit sprechen, welche Themen auf der Agenda stehen (und welche nicht), über den Tenor dieser Rede ganz allgemein ein Vakuum, eine Leere an Gehalt und Relevanz. Abseits der hysteriegetriebenen #C-Demonstranten macht sich eine gewisse Beliebigkeit in den täglich wechselnden Botschaften breit, und damit auch Lethargie im Kopf. Man ist inzwischen hinreichend eingelullt von #C-dies, -das und -jenes. Manche ziehen sich zurück an den Grill, in Kleinst-Peers oder aufs Rad, an Sommerurlaub wird eher selten gedacht (aus Angst, Geldsorgen oder beidem). Zunehmend ist von einer drohenden zweiten Welle zu hören – ob sie überhaupt kommt, weiß niemand, aber sie ist derzeit liebster Content der Medien. Und noch eine andere Flut droht: Die #C-Beratung ist angerollt, Hardselling umgelabelt zu hochnotdringlicher Akquiiieese (es muss emotional ordentlich quietschen und wehtun: „Tu was!“). Die Robusten verhalten sich still, die Kecken kassieren Geld vom Staat, die Schlingernden überleben mit Geld vom Staat, viele KMUs harren aus, bangen, planen und hoffen. – Das ist Stuck State.

Muss das sein?

Natürlich: Wir können unser System nicht von heute auf morgen umstellen (auf was, wäre im übrigen durchaus kontrovers). Die grassierende Ideenlosigkeit oder präziser: die Paralyse, das Nicht-Reagieren, ist seltsam, merkwürdig. Imaginäre Facetten aus der Wirtschaft:

  • Fashion, Lifestyle: Wo sind die Umgruppierungen des Angebots auf die Bedürfnisse und Sehnsüchte, die vorherrschen? Wo werden #C-Lines präsentiert, optimistische Farbwelten, kreative Formen à la „Wir schaffen das“ (war mal sehr beliebt), wo sind Models, die sich zeigen und für etwas stehen (außer für Konsumismus)?
  • Baumarkt-Hype: Was brauchen Sie wirklich, um Ihre geliebte Mietwohnung oder Ihr Häuschen möglichst lange instandzuhalten? Weg von Schönheitsoperationen, hin zu dem, was die Substanz wahrt – welcher Baumarkt zeigt das, unterstützt dabei und macht entsprechende Angebote?
  • Fahrrad-Boom, Outdoor-Branche: Hier wird derzeit viel verdient, ein Krisengewinnersektor. Wo werden Schutz- und Sicherheitsaktionen gestartet, wieso ist Safety kein Sommerthema bei Risiko-Freizeitsportarten? Aus #C lernen ist übertragbar auf ein wandelbares Risikoverhalten nicht nur beim Händewaschen.
  • Hotel, Wellness: Selbstverständlich können einzelne Häuser keine großartigen Werbeaktionen starten, aber dafür gibt es Verbände. Die meisten Menschen brauchen derzeit keinen „Urlaub“ im klassischen Sinne, sondern eine Seelen-Auszeit, raus aus der Krisenblase (was genau die individuell auch immer ausmacht). In den Medien sind zunehmend sorgenvolle Hotelliers zu sehen, denen nach wie vor die Gäste fehlen. Angst vor #C ist die eine Seite – aber warum sollte ein Gast in diesem Sommer gerade bei X absteigen? Keine Antwort.     …

Wir könnten es uns als Gesellschaft über die nächsten Monate schön und nett machen, so weit das eben möglich ist unter den aktuellen Bedingungen. Wenn alle – auch die Betriebe – #C übersetzen würden in das, was ihres Tuns ist, worin ihre Aufgabe und Kompetenz besteht, sähe unsere Konsum- und Lebenswelt längst völlig anders aus. Sieht sie aber nicht. Was sich hier spiegelt ist ein verdecktes, geistiges Feld, sozusagen ein Seelenkeller, der Ideen und Andersdenken fortwährend einsaugt, verschluckt. Die unternehmerische Innovationsdebatte ventiliert dieses seltsame Phänomen seit Jahren, unter #C bricht es erneut und deutlich sichtbar auf. Es ist ein Phänomen in der Breite, nicht in der Tiefe: Dass wir keine Ideen hätten oder zu ihnen nicht in der Lage wären, ist falsch. Vielmehr deckelt sich das gesamte Kollektiv. Wir fahren nicht nur auf Sicht, sondern auch mit gezogener Handbremse – dauerhaft, rätselhaft. Mit staatlichen Geldern hat das nichts zu tun, aber eine Menge mit dem geistig-emotionalen Zustand der Gesellschaft.

Eigentlich sind Stuck States Zwischenstadien, Episoden. Haben wir uns längst darin eingerichtet? Ist das vielleicht die allerorts gesuchte moderne „Heimat“?