Corona bewerten. Wer denkt jetzt vor?

Immer klarer wird, dass sich die Gesellschaft derzeit „segmentiert“, wie die Sozialwissenschaftler gerne formulieren: Es werden Untergruppierungen sichtbar, die sich entlang Corona neu zeigen.

  • Die etablierte und höhere Mittel- sowie Oberschicht sind derzeit leise. Die aktuelle Phase will überstanden sein, viele bereiten eine neue Zukunft vor, planen, organisieren. Wahrnehmbar sind diese Vertreter*innen nicht.
  • Die breite und untere Mitte fährt im niedrigen Gang allmählich wieder an – erkennbar verunsichert, jederzeit bereit, sich zurückzuziehen. Die Situation ist instabil, zu Prognosen lässt sich niemand hinreißen. In welche Richtung sich der Corona-Kipppunkt neigt, ist noch nicht auszumachen.
  • Eine Menge Leute verlieren ihren Job; diese Kurve fängt erst an zu steigen. Selbständige und kleine Unternehmen laufen derzeit über Erspartes bzw. Restbudgets und sind auf die konjunkturelle bzw. mentale Erholung angewiesen, die jetzt kommen soll – bei Strafe des betrieblichen Untergangs.
  • Einige Firmen nutzen die Krise aus und surfen auf Unterstützungsmöglichkeiten, die zwar helfen, aber nicht unbedingt erforderlich wären. Bloß landet einiges davon in den Medien. Und auch, wenn es sich dabei um „systemrelevante“ Branchen handelt, ist der dadurch ausgelöste Zorn bzw. der moralische Affront, den diese Akteure unbeeindruckt inszenieren, in einigen Sozialmilieus mit Händen zu greifen.
  • Risikogruppen und Ängstliche warten ab und tun – nichts.
  • Und dann sind da diverse Einzelgruppierungen, in denen sich viel verändert, was noch nicht auf dem öffentlichen Schirm landet. Jutta Allmendinger etwa löste kürzlich Empörungswellen aus mit ihrer Vorhersage, Corona würde eine saftige Retraditionalisierung der Frauen zur Folge haben, die die Gleichberechtigung um 30 Jahre zurücksetze. Verdeckte Verwerfungen wird es aufgrund der Pandemie in jedem Fall geben, wir können sie aber noch nicht hinreichend wahrnehmen, geschweige denn bewerten.

Viel los also in der Gesellschaft – und zwar sehr Unterschiedliches. Zudem wird es in den nächsten Monaten immer wieder Pandemierückfälle geben (wie jetzt in Gütersloh). Die Konsequenzen des Lockdown werden wir frühestens ab Herbst anfangen wahrzunehmen. Über die Kosten, auch die finanziellen, spricht „man“ derzeit nicht. Das ist einerseits verständlich, andererseits ein erhebliches soziokulturelles Risiko: Tabuisierung zahlt sich in aller Regel politisch nicht aus. Parallel dazu nimmt die Ökologiedebatte allmählich wieder Fahrt auf. Greta Thunberg ist zurück und fordert, naheliegenderweise, im Umgang mit der Klimafrage ein zu Corona analoges Vorgehen.

Natürlich können wir weitermachen mit Drüberwegreden und Nebelkerzenwerfen: Dass nun die Schulen digital nach vorne gebracht werden, die Unternehmen endlich Homeoffice etablieren und der Impfstoff voranzutreiben ist. Das Post-Corona-Geschwätz, dass seit März viele Menschen nervt, bekommt erst jetzt und nur sehr langsam eine eigene, authentische Färbung. Post-Corona könnte inzwischen mehreres bedeuten, jeweils mit ersten „Gründen“ ausgestattet:

  • Wir igeln uns (weiter und gesteigert) in Sicherheitsdenken und Vorsicht ein. Im nächsten Jahr ist Bundeswahlkampf – exzellentes Thema für ein Parteien-Rat-Race. Wer bietet mehr an Defensive gegenüber einer zunehmend planungsfeindlichen und ungewissen Welt?
  • Die Stunde intelligenter Interessengruppen schlägt. Die nächsten Monate könnten zu einer Hochphase des modernen Lobbyismus werden: Das Argument Arbeitsplätze wird ziehen, damit können viele Interessengruppen Forderungen durchzusetzen. Sofern eine quantitativ relevante Wählerklientel dahintersteht, gibt es gute Chancen dafür, dass die politischen Prioritäten nicht durch das letzte Wählermandat, sondern durch Winkeladvokaten gesetzt werden. Bereits heute ist deutlich zu erkennen: Wer am lautesten schreit, wird auch gehört. (Dass etwa Mittelstands- oder andere Verbände neben Unterstützungsforderungen auch strategische Vorschläge oder Konstruktiv-Konzeptionelles artikulierten, ist bislang nicht erkennbar.)
  • Die Systemaversion wächst. Es ist denkbar, dass die Corona-Demos erst den Anfang einer Dynamik darstellen, die sich in den Herbstmonaten intensiviert: Unzufriedene jeder Couleur könnten ihrer Stimmung Luft verschaffen und Fehler, die in der Krisensteuerung unvermeidlich gemacht werden, zum Sprungbrett für System-Bashing nutzen.

All das und Weiteres wird sich vermengen und verschränken. Ohne die Richtung wissen zu können: Wir werden einen turbulenten Herbst erleben. Hinweise für eine Art Staatsdemokratie aber, in der – gerade vor der nächsten Bundestagswahl – unterschiedliche Vorschläge zu einer Agenda 2025 amalgamiert würden, sind derzeit reine Traumtänzerei. Was läge indes näher, als die nächste politische Weichenstellung dafür zu nutzen, angesichts Corona Prioritäten zu definieren und systematisch Konsequenzen aus der Krise zum Regierungsprogramm zu erheben? Da dies von sich aus nicht passieren wird, könnten Wirtschaft, Unternehmen, Organisationen kräftig dabei helfen und einen Überbietungswettbewerb an kompetenten Ideen anzetteln. Die Politik könnte das nicht übersehen, selbst, wenn sie wollte.

Gefragt ist dafür weniger die beliebte „Zivilgesellschaft“ (die auch deshalb so beliebt ist, weil sie so komfortabel amorph daherkommt), sondern das institutionelle Rückgrat der Republik: Unternehmer, die so gerne mit ihrer ‚Hands on’-Mentalität prahlen; Verbände und Interessengruppen, in denen das Wort Verantwortung höchste Beliebtheitswerte aufweist; und Parteien, die entweder innerhalb der Regierung gerade die „staatsmännische“ Repräsentation neu erfinden oder sich in oppositioneller Detailkritik verlieren. Derzeit gewinnt man den Eindruck, die Parole vom lebenslangen Lernen sei ein Marketingslogan der Bildungsbranche und hätte mit der sozialen Praxis nicht das Geringste zu tun. Die zweite Jahreshälfte 2020 müsste jedoch zum gesamtgesellschaftlichen Vordenkprojekt werden – wenn wir von Corona gesellschaftlich profitieren wollen.