Corona bewerten: Expertenskepsis

Die Deutschen sind skeptisch – vor allem gegenüber sogenannten Experten. Eine aktuelle europaweite Studie weist aus, dass nur 44 Prozent der deutschen Befragten angeben, über die Corona-Krise hätten sie Einschätzungen von Fachleuten als nützlich empfunden. Die übrigen Europäer bestätigen dieses Urteil sogar in noch dramatischerem Maße (35%). Liegt das nun an den Bevölkerungen oder an den Experten?

Öffentliche Verlautbarungen, Journalisten, Behörden präsentieren dazu eine klare Meinung: Es liegt an den Bevölkerungen. Man müsse ihnen dringend wieder klar machen, dass Zahlen, Daten und Fakten die einzig wahre Orientierung darstellen. Gegen Fake-News wird in der gesamten westlichen Welt demonstriert, für Wissenschaft geworben. Der Akademikeranteil in Deutschland steigt seit Jahren – sind die Menschen trotzdem schlicht verblendet?

  • Der zunehmend schlechte Ruf von Wissenschaft und Datenpräsentationen ist hart erarbeitet. Bei vielen hat sich herumgesprochen: Sage mir, aus welchem Institut die Studie stammt, und ich sage dir, was drin steht. Über Jahrzehnte ist es in westlichen Ländern Sitte geworden, Wissenschaft mit Meinung „zu beauftragen“ – dazu hat jede politische Couleur ihre „An-Institute“, von rechts bis links über religiöse Tendenzen bis zu Nachhaltigkeit. Man kann dies so praktizieren, sollte sich aber nicht wundern, dass es irgendwann auffällt.
  • Die Bevölkerungen von diesem Pferd wieder herunterzuzerren, wird – Achtung, Logik – kaum dadurch gelingen, dass man zur Flut von Studien noch ein paar Zahlen-Daten-Fakten draufsattelt und über den Wert empirischer Wahrheit doziert. Mitunter wundert man sich, was etwa Journalisten genau dazu bewegt. In den Wochen vor Corona schwappte eine Welle von Reportagen durchs TV, in denen Fake-News mit wirklich wahren Wahrheiten (also Zahlen) konfrontiert wurden. Ob das gegen den Expertenverdruss hilft, den Status der Medienleute wieder bessert?
  • Anstatt die gute alte Tonnenideologie aus dem Keller zu holen („viel hilft viel“) und für Laien und Beobachter nicht-validierbare Daten zu maximieren, wäre es indes möglich, Motive und Zielvorstellungen derjenigen auszuweisen, die die Studien machen. „Wir wollen den CO2-Ausstoß senken – dazu müssen wir aber erst wissen, wie es um X steht.“ „Wir sind für eine europaweite XY-Steuer – dazu müssen wir wissen, wie die Leute über Z denken“, usw.

Das es zwischen Erkenntnis und Interesse unlösbare Verbindungen gibt, wird man dem Publikum des frühen 21. Jahrhunderts nicht mehr austreiben können. Die Volkserziehung zu Wissenschaft, die aufgrund der Expertenskepsis unter Corona gerade wieder anläuft, gräbt den Experten, die diese Wissenschaft betreiben, das Wasser ab, wenn sie nicht verstehen und allmählich anfangen zu berücksichtigen, dass Objektivität allein kein legitimer Maßstab von Kommunikation und Überzeugungsarbeit mehr ist. Was in der Gesellschaft längst „durch“ ist, bereitet unseren Eliten Kopfzerbrechen – so komplex und gar nicht einfach geht gesellschaftliche Modernisierung heute. Bis Politik und Wissenschaft das wechseln können, werden wir noch viel Zeit brauchen.