Corona bewerten. Hilfe aus der Sozialwissenschaft…

Sozialwissenschaften sind stolz darauf, in nüchterner Beobachtung, d.h. mit methodisch geschultem, scharfem Blick, Sozialverhältnisse perspektivisch auf Distanz bringen zu können. Wie ein Nachtvogel sezieren sie dort, wo es für andere geistig dunkel ist, analytisch das gesellschaftliche Gewordensein. Das praktizieren sie allerdings nur im Rückblick, für das Heute outen sie sich als nicht zuständig. Hegel verpackte diese Abstinenz in die wohl berühmteste Ausrede, die das Tierreich direkt bemüht:

Die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.

Derweil rackern wir anderen uns ab in den Mühen der jeweils gegenwärtigen Ebenen. Beistand gibt es für die meisten nicht mehr (den entsprechenden Institutionen läuft das Publikum davon), die Wissenschaft fühlt sich nicht zuständig („noch zu früh“) und Pandemien etwa sind kein guter Arbeitsbereich für Prognostiker und Leute, die gut rechnen können. Was tun?

Soziologie kommt immer gut. Hier sitzen immerhin Gesellschaftswissenschaftler*innen, die – auch, wenn vorwiegend rückblickend – soziale Strukturen, Prinzipien und Regeln kennen. Sollte sich daraus nicht Honig saugen lassen auch für Gegenwartsprobleme? Andreas Reckwitz, der dies häufig praktiziert, versucht genau das gerade zum Thema Gemeinsinn. Denn der gesellschaftliche Wandel unter #C treibt extrem unterschiedliche Stilblüten hervor, die anrühren oder auch keiner will: Von Balkongesängen und –Geklatsche bis zu Anti-#C-Demos. Frage: Was bedeutet das für den Gemeinsinn? (Das ganze Interview)

Dass die Gesellschaft keine homogene Gemeinschaft mehr ist, bedeutet jedenfalls nicht, dass so etwas wie Gemeinsinn in der Moderne nicht mehr nötig wäre, im Gegenteil. Eine Gesellschaft, auch wenn sie noch so differenziert und individualisiert ist, kommt offensichtlich nicht ohne ein Mindestmaß an sozialer Integration aus, das heißt an zivilen Normen, die alle teilen. Fehlen solche gemeinsamen Regeln, zum Beispiel Normen der Gewaltlosigkeit, bricht das Soziale zusammen. Genauso wichtig ist für liberale Demokratie, die ja auf der Pluralität unterschiedlicher Interessen und Werte beruht, dass sie auf grundlegender Ebene ein gemeinsames Anliegen teilt. Das wäre gewissermaßen ein republikanisches Moment: trotz aller Interessenunterschiede das Wohl der eigenen Gesellschaft als kollektives Projekt.

Es gibt Wissenschaftsäußerungen, bei denen man ahnt, warum sich Menschen von Wissens- und Meinungseliten abwenden. Bei #C-Demos, in politisch radikalisierten Gruppen oder Parteien versammeln sich derzeit vor allem Menschen, die über bestimmte Entwicklungen wütend sind. Ein kollektives Projekt mit republikanischem (oder für Extremisten auch anderem) Moment wäre vielleicht auch attraktiv, ist aber gerade nicht das, was Menschen auf die Straße treibt. Auch beschäftigt sie weniger der Mangel an zivilen Normen, Probleme der Integration oder Fragen der Gewaltlosigkeit: Dass Menschen Beifall klatschen oder zu Gewalt greifen, hat etwas mit Gefühlen zu tun. Achtung, Erkenntnis: Wut und Ärger korrelieren nicht mit Friedfertigkeit und Diskussionsneigung! Letzteren entsprächen auf emotionaler Ebene Zustände wie Neugierde, Suche nach Antworten oder Lösungen, Interesse an Meinungen anderer, und daher auch die grundsätzliche Anerkennung aller Meinungen, die gerade feilgeboten werden, so funktionierte Gemeinsinn. Und wenn Menschen den Pfleger*innen rituell Anerkennung zollen (weil die systemische verweigert wird), ist sogar das weniger Ausdruck von Gemeinsinn als von fehlendem Gemeinsinn, von Protest und Einspruch.

Dass wir in der privilegierten Situation kollektiven Miteinanders schon lange nicht mehr sind, wäre genuiner Forschungsauftrag an Soziologie: Woran liegt das? Es ist verblüffend, wie eine Gesellschaftswissenschaft an weiten Teilen der Gesellschaft so vorbeireden kann – und mit ihrer Pastoral über Normen, Regeln und Werte praktisch den Job verweigert. Dabei geht es hier einmal nicht um elaborierten Code und akademische Verquastheit (dass das Soziologengerede niemand verstünde), sondern um ein offenbar ganz grundsätzliches Parallelwelten-Phänomen. Während man sich im Elfenbeinturm neue kollektive Projekte ausdenkt, zerbrechen soziale Konsensbereiche. Vielleicht bräuchte es das Interimskonzept einer Krisenwissenschaft, die gesundheits-, sozial-, politikwissenschaftliches und psychologisches Know-how erst einmal interdisziplinär so kalibriert, dass es auf unsere Gegenwart passt. Wer noch nicht einmal die richtigen Fragen stellt, muss sich nicht wundern, dass bei den Antworten kaum noch jemand zuhört. Und sehr lange werden wir uns wohl nicht mehr leisten können einfach frech zu behaupten, die Fragen hätten sich doch gar nicht geändert. Womöglich stimmt die Gesellschaft irgendwann mit den Füßen ab, welche Wissenschaft sie will – und welche nicht mehr. Die teilweise scharfen Polemiken über die medial präsenten #C-„Gesundheitspäpste“ sind dagegen nur ein erstes laues Lüftchen.