Corona bewerten. Lernkurven aus Digital-Land

Inzwischen rollt die Urlaubswelle und auch unsere Hochschul-Lehre geht in die Ferien. Was spannend war: Die Feedbacks der Studierenden aus dem vergangenen Corona-Semester. Was melden studierende Berufstätige, die urplötzlich digital lernen mussten, zu ihren Erfahrungen zurück?

  1. Inhalte erscheinen „oberflächlicher“ als sonst. Sie „gehen nicht so tief“ und sind „schwerer abrufbar“. – Lernpsychologisch ein alter Hut: Je mehr Sinne wir beim Lernen involvieren, desto tiefer sinkt Neues ins Langzeitgedächtnis – bei nur wenigen Sinneskanälen, also in virtuellen Sessions (nur Hören und Sehen), merkt man das Kappen der Kanäle schnell. Physische Interaktion mit anderen ermöglicht eine deutlich tiefere Erinnerbarkeit von Gelerntem.
  2. Dankbarkeit für nicht längere als einstündige Meetings. Die sinnliche Verarmung mindert Konzentrationsfähigkeit – logisch. „Quick & Easy“ statt herrschaftsfreier Diskurs, die Studierenden schätzen das.
  3. „Ablenkungen hauen voll rein“. Wer zu Hause am eigenen Laptop sitzt, Handy daneben, durch das Fenster die Nachbarn sieht, hört, wenn die Post kommt usw., nutzt gern jede willkommene Gelegenheit, nicht-zielführendes Geplänkel oder ausholendes Geschwafel beiseite zu schieben. Zoom & Co. bestrafen erbarmungslos schlechte Kommunikation. Das liegt nicht an Zoom, sondern an – schlechter Kommunikation.
  4. Positiv: Lebensfreude, dass man den deutschen Verkehr nicht erleiden muss. Alles, was die moderne Mobilitätsreligion („Unseren täglichen Stau gib uns auch heute“) blockiert, wird geschätzt.

Was erleben wir in virtuellen Meetings ansonsten selbst? Wissenschaftlertreffen über drei (!) Stunden, organisatorische Absprachen in Unternehmen nach der Devise „Wenn wir uns schon nicht treffen, nehmen wir uns wenigstens hier Zeit“, jour fixe-Termine, in denen Socializing („ist psychologisch wegen der Teamverbundenheit jetzt ganz wichtig!“) etwa die Hälfte der Gesamtzeit einnimmt.

Lernkurven:

  1. Es gibt bislang kaum Bewusstsein über Voraussetzungen und Bedingungen guter Kommunikation im virtuellen Miteinander. Ratschläge widersprechen sich, jeder Experte redet aus seiner eigenen kleinen Kästchenwelt. Die Psychologin warnt vor zu viel Effektivität und Effizienz („optimiert die Meetings nicht nur sachlogisch durch, sondern investiert Zeit in die Gruppe!“), der Motivator empfiehlt Aufträge zur Selbstverantwortung („Einbinden!“), die Informatikerin gibt Tipps zur richtigen Plattform und der Coach macht Seminare zur Moderation im Netz. Professionalität im Maschinenzeitalter sieht anders aus.
  2. Dass die Agenda umgestrickt werden muss, ein häufiger Sprecherwechsel organisiert werden will und vorher reflektiert werden sollte, was als Ergebnis im Meeting bereits präsentiert und danach lediglich noch kurz bewertet werden kann (und nicht mit allen erst erarbeitet werden muss), sind sämtlich bereits verfügbare Wissensbestände der Kommunikationsforschung. Offenbar hütet diese ihr Wissen entweder beeindruckend gut oder es findet keine Resonanz, kein Interesse. Oder beides. Jedenfalls gilt:
  3. Kreative kommunikative Professionalität ist projektierungswürdig. Wenn der Digitalschub unter #C nicht nur virtuelle Meetings, sondern auch die kommunikative Qualität beflügeln soll, brauchen wir noch etwas mehr Kompetenz.