Corona-Leichtsinn

Die Pandemie hat ihr erstes Märchen: Die Leichtsinnsgeschichte. Nach dem Motto „Party statt Panik“ fragt sich gerade die Republik, woher die Unbesonnenheit in Sachen Maske-Tragen, Abstandhalten und Zuhausebleiben wohl kommen mag. Die Frage ist schwer erträglich, weil offensichtlich ist, was passiert: Machteliten versuchen Kommunikationsfehler zu vertuschen. Die Leute tun das, was sie für richtig halten, weil die, die beanspruchen zu führen, ihren Job nicht machen. Und wer ist schuld? Rhetorische Frage.

Die Gesellschaften sind nie darauf vorbereitet worden, dass es eine gewisse Zeit lang eine Corona-Gesellschaft geben muss. Wer noch Licht im Oberstübchen hat, konnte das seit April wissen: Die Impfstoffentwicklung vollzieht sich ja schon rasend schnell, braucht aber trotzdem ein paar Monate. Was dazwischen geschieht, ist Corona-Normalität. Wenn sich die Pandemie-Lenker*innen so einig sind wie die westlichen, dass nicht sein kann, was nicht sein darf, und diesen kinderlogisch einfachen Schluss von einer Interims-Coronaphase nicht zulassen, passiert das, was passiert: Das Schlimmste scheint vorbei und die Leute entspannen sich.

Wir haben hier mehrfach über die gravierenden Kommunikationsfehler in der Pandemie geschrieben (nicht der Epidemiologen und Gesundheitsexperten, sondern der Führenden!). Nun rächen sich diese Fehler, und schuld ist die Bevölkerung. Aua. Gerade in Deutschland machen Menschen das, was ihnen vernünftig erklärt wird: Wir trennen eifrig Müll, akzeptieren Freiheitseinschränkungen und bleiben auch über Wochen zu Haus. Wenn aber nichts erklärt, sondern nur noch herumgemosert wird, werden die Leute trotzig. Was das Problem in der Führungsebene genau war, zu erläutern, dass wir nach erfolgreicher Eindämmung der ersten Welle bis mindestens Weihnachten keine Normalität haben können, dass dies bei strikter Einhaltung weniger Regeln über das Jahr (mit denen man es dann in der Menge auch nicht mehr übertreiben muss) aber auch keine vergleichbar großen Einschränkungen mehr bedeutet, bleibt das Geheimnis von Politik und Experten. Wenn allen klar gewesen wäre, dass der Sommer nur „teil-frei“ gestaltbar sein würde, hätten wir nicht den aktuellen Scherbenhaufen.

Unsere Gesellschaft hat eine erstaunliche Kohäsion bewiesen und hält zusammen, wenn sie ernst genommen wird. Allgemeine Regeln sind hilfreich. Man muss mit ihnen nicht selbst jede Situation evaluieren (kann man oft gar nicht), wenn man einige Standards einhält, werden die irgendwann zur Routine, das entlastet. Wir müssen nicht dauernd die Gefahr abschätzen und ein Zurückweichen Anderer, die vielleicht gefährdet sind, puffert die Maske ab: Sie kann verhindern, dass das Defizit an sozialer Nähe auch noch offensichtlich ausgestellt wird. Wenn es keine Regeln gibt, machen Menschen ihr eigenes Ding (was sollen sie sonst machen?). Ob die Führenden heimlich beten, dass keine zweite Welle kommt? Denn wenn man nicht transparent sein will, hilft am Ende nur noch das. Beten wir in diesem Fall aber lieber für Wichtigeres: Dass uns nie Katastrophen ereilen, die dramatischer sind als Corona.