Blick in die Anthropologie I. Wie übersteht mensch Krisen – und wir?

 Teil I / II. Die Heutigen: Was wir für Krisenbewältigung halten

Krisen bringen unser soziales Fundament mindestens ins Wanken, wenn nicht zum Einsturz. Nun besteht sowohl das Gattungs- als auch das individuelle Leben aus einer Aneinanderreihung von – im besten Fall wenigen und nicht allzu schweren – Krisen. Wie übersteht mensch die?

Zunächst zur Gegenwart. Was haben wir Heutigen in petto?

  • Widerstandsfähigkeit ausbilden! Leider eine Zukunftsaufgabe, hilft gerade nicht. Wir mögen hier nicht auf den (konzeptionell bisher unfassbar dürftigen) Hype um Resilienz eingehen. Das Wort klingt modern, fachlich versiert und trendfähig (also gut). Obwohl es nicht nur im psychologischen, sondern auch im ökonomischen Bereich Forschung dazu gibt, flaggt der Begriff in #C-Zeiten bisher kaum mehr aus als ein wolkiges Mental-Programm: „Resilienter werden“ als persönlicher Fitness-Lebens- und Leitfaden ist ein Mega-Trend – und eine willkommene Option zur buzzwordigen Flankierung des Krisengeredes.
  • Durchhalteparolen: Die sind nicht schön, aber weder vermeidbar noch kritikwürdig. Wir alle müssen Kondition aufbauen, brauchen psychische Spannkraft, #C dauert. Autosuggestion ist zwar Schmalspur-Therapie, aber mitunter hilfreich. Sie wirkt und schadet nicht. Sie schubst uns zwar oberflächlich, aber häufig effektiv immer wieder von den emotional dunklen Seiten weg.
  • Konkrete Unterstützung: In Form von Geld, Menschen, die mit einem reden und etwas tun, Hilfsprogrammen. Bravo, das ist nützlich, beantwortet aber nicht unsere Frage bzw. Hinsicht auf das Thema: Wie überstehen Menschen geistig, geistlich, seelisch, psychisch Krisen? Woher Zuversicht nehmen? Der Hilfsfond wird’s kaum richten.
  • Und, das allerwichtigste: Vernunft. Es ist zum Beispiel vernünftig, in Extremsituationen – etwa auf Intensivstationen – Menschen ohne Kontakt zu ihren Angehörigen emotional vereinsamt sterben zu lassen. Das Risiko für die Rest-Gruppe, die Ansteckungsgefahr, stressbedingte Laxheit im Umgang mit Sicherheitsvorschriften usw., gilt als zu groß. In einem evidenzbasierten Weltbild wie unserem ist das rational und plausibel. (In anderen nicht. Andere würden erst einmal nachfragen: „Welches Risiko? Das, sich anzustecken, oder das, das eigene Leben auf Befehl der Gruppe in stiller Verzweiflung beenden zu müssen?“ Die zweite Option war als Entscheidungsoption nie Thema bzw. existiert bei uns nicht.)

Die derzeit explodierende Sensitivität in diesem Feld pusht die anlaufende, zunehmend durchökonomisierte Sinn-Industrie („Purpose!“), weil es ohne sie riskant wird, die Gesellschaft sich selbst zu überlassen und einfach darauf zu hoffen, dass sich der Kitt zwischen Menschen – wie in der Vergangenheit – nach #C irgendwie schon von selbst wieder ergeben würde. Die Bereitschaft zum Einkaufen für Ältere hat sich im zweiten Lockdown merklich abgekühlt, und dem Beifall von den Balkonen für die Pflegekräfte ist an Solidarität auch nicht viel gefolgt. Inzwischen sind es sogar die kirchlichen Träger, die sich einem Wandel aktiv entgegenstemmen. In den Medien sind zudem Artikel zu bestaunen, die Pflegekräfte seien den Missstand zum Teil ‚selber schuld’, weil sie sich nicht organisieren würden. Solche unangenehmen Sozialphänomene, nach denen niemand gefragt hat und die keiner sehen wollte, beleuchten einen wunden Punkt: dass unsere moderne Gesellschaft in Hinsicht auf ein stabiles, verlässliches, intaktes kollektives Bindungsempfinden völlig versagt. Corona ist das Spotlight darauf – aber auch dieses Virus schafft es nur momenthaft, seine volle geistige Lux-Zahl zu aktivieren. Der aktuell dominante Trend, das virulente Reaktionsmuster der westlichen Meinungselite: Psychiatrisierung. Die nächste Pandemie kommt bestimmt – bis dahin müssten dringend mehr Therapieplätze her, die Versorgung Deprimierter sichergestellt werden. Wir müssen lernen! Man kann die psychischen Kollateralschäden einer sich in rasendem Tempo dehumanisierenden Gesellschaft nicht sich selbst überlassen, das wäre unmenschlich. Gesundheitspolitik modernisieren, Kliniken aufrüsten! (Aber die Beziehungsmuster hinterfragen? Ursache statt Symptome thematisieren? Absurd. Und akademisch, typisch Wissenschaft.)

Indes gilt: Firmen können das – und einige tun es sogar. Mit erstaunlichem Erfolg. Was uns aber vorher erst noch zu der Frage führt: Wie haben solches eigentlich unsere Vorfahren geregelt? Wie haben die Krisenbewältigung gestemmt? Konnten die das »besser«?

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