Wie wir im Westen sozialem Auseinanderfall vorbeugen

Hält unser Zusammenhalt auch einer dritten Welle stand?

Wir haben im letzten Beitrag über Generativität und Eingebundensein geschrieben – Lebensweisen, die von alters her Menschen widerstandsfähig machen und aneinander binden. Moderne westliche Gesellschaften haben ihre eigene Regelung dafür gefunden, im Vergleich zu früher aber auf anderer Ebene: Sie verschieben das Problem.

  • In die Psychologisierung. Spirituelle Leader oder Leidenserfahrene wie Victor Frankl (KZ-Überlebender) stehen in unserer westlichen Wissenschaft Pate für die Frage, wie sich die eigene Beheimatung im Sozialen quasi „mentalstrategisch“ bewerkstelligen lässt (solche Menschen sind in dieser Hinsicht Helden). Wie können wir Eingebundensein für uns selbst sicherstellen? Was dabei herauskommt, heißt heute Selbstwirksamkeit, Integration oder Inklusion, Community-Building, in Unternehmen (HR) Onboarding, Mentorship oder Karrierenetzwerk, es gibt zahlreiche Namen dafür. Martin Seligman ist einer der Päpste dieser Bewegung. Der Geist wird ausgerichtet auf einen Fokus, auf bestimmte Themen, Menschen oder Verfahren: Aufmerksamkeit lenken, Kommunikationen steuern, die Wahrnehmungsschwelle eines – mitunter unscheinbar-unbedeutenden – Ereignisses absenken oder heben. Dass etwa einer neuen jungen Mitarbeiterin freundlich und hilfsbereit begegnet wird, ist Anerkennung, Wertschätzung und Integration ins Team – eine Selbstverständlichkeit ist es schon lange nicht mehr.  Wir überführen Eingebundensein in eine Technik. Was uns zu einem anderen Instrument führt:
  • In die Prävention. Die beste Krise ist die, die gar nicht erst entsteht. Das regeln wir heute technologisch: Wir vermessen unsere Gesellschaft. Experten haben längst einen passenden Begriff dafür, Social Physics (Namensgeber: „Sandy“ Pentland, MIT). Um über eine Gesellschaft Bescheid zu wissen, muss man nicht alles über jeden Einzelnen wissen, man muss nicht die einzelnen Atome kennen. Mit genügend Daten lassen sich die Schwingungen eines Kollektivs – Anziehungskraft und Abstoßung, Unverträglichkeiten und Diffusionen, Klumpungen und Zerfall – so genau messen, dass künftige Reaktionen vorhersehbar werden. Okay, bei einer Pandemie noch nicht, aber die fortgeschrittenen Wissenschaften (Kybernetik, Neurosciences usw.) arbeiten intensiv daran, Künstlicher Intelligenz sei dank.  Wir übersetzen Eingebundenheit in belegbare Zahlen, Daten und Fakten. Stimmen die Zahlen, funktioniert der soziale Kitt.  – Und hier sind wir auf der Hauptstraße angelangt, im Mainstream:
  • Ins physisch-physiologische Tracking. Dieser Trend wird nicht nur technologisch gesetzt und für die Nutzer immer einfacher und komfortabler, sondern individuell auch stark nachgefragt. Smart Watches für die Fitness, Entspannung und Meditation per App, Yoga als Mind-Control, verbale Leistungsfähigkeit sichergestellt durch die betriebliche Sprach-KI, Stresstherapie durch individuelles Bio-Feedback usw. Das Betriebliche Gesundheitsmanagement ist begeistert.  Aus Eingebundensein lässt sich deutlich mehr herausholen. 

Was leisten diese Sozialtechnologien? Sie geben dem Atomismus keine Chance: erzeugen Verbundenheit, aber auf einer anderen, nicht mehr biologischen, gattungsbasierten Ebene. Sie stiften mentale Kreuzungspunkte für Kommunikationen, Zusammenarbeit und kreatives Handeln – genau hier liegt zeitgeistig die Ebene für das, was derzeit »Purpose« heißt. Unternehmen bieten etwa unterschiedliche Netzwerk-Plattformen an, um soziale Intimität und Vertrautheit auch in einem globalen Konzern zu ermöglichen („Frauen unter sich“, Azubi-Alumni usw.). Größe anonymisiert und schafft Distanz, da gilt es gegenzuhalten. Was amerikanische Consultancies bereits seit Jahrzehnten nutzen, nämlich Abgänger in einem Ehemaligen-Netzwerk weiter an das Beratungsunternehmen zu binden, um daraus wieder Geschäft zu generieren, lässt sich im Prinzip auf fast alles Firmenspezifische übertragen (aus präzise anggebbaren, gut beforschten Gründen ist der anglo-amerikanische Kulturbereich des Westens für derlei offener als Kontinentaleuropa). Diese Art der kapitalisierbaren Verbundenheitserzeugung ist so effektiv wie effizient, und außerdem für viele Menschen auch persönlich attraktiv. Denn Tracking-Technologien lassen etwa Leistungseinbrüche der Einzelnen möglichst gar nicht erst entstehen (eine noch neue Wettbewerbsarena für Erfolgsorientierte), und bieten auch Mehrwert in ganz andere, privat und spirituell orientierte Richtungen (Entspannung, Gesundheit, Beziehungsmanagement, Matching usw.).

Mit anderen Worten: Eine runde, erfolgreiche Sache – die das, worum es ursprünglich mal ging, als wir uns noch (ganz old fashioned) als organische Lebewesen wähnten, als kontaktabhängige Beziehungswesen, dien Bindung brauchen, inzwischen nahezu blickdicht überschattet. Sozialer Kitt geht auch ohne Beziehungsintelligenz, und der Westen ist Meister im F&E-Prozess solcher Innovation. – Ob das für die dritte Welle reicht? Technologisch allemal. Darüberhinaus wird’s spannend: Sehr viele surfen derzeit am mentalen Limit. Wir haben versucht auszuformulieren, woran das liegt.

Next Sensegiving: Bevor wir uns der Frage widmen, wie für Unternehmen diese Situation einigermaßen »gut«, glaubwürdig und menschengerecht zu regeln wäre, ziehen wir eine erste Zwischenbilanz mit Blick auf #C. Wie lief das abei uns ab – bemessen an den  hier gesammelten Maßstäben? Und welche Rezeptur haben wir dafür benutzt?

Deep Futures on the way

#C Bedeutung geben

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