Purpose-Absurdistan. Die Sinn-Debatte in der Wirtschaft

Purpose-Absurdistan. Beispiel: Ökonomische Wissenschaft Teil I / II

Eine beliebte Referenz für als lebendig, reich und wertvoll empfundene Lebenszeit sind Ausnahmesituationen, Katastrophen, Krieg. Die Wissenschaft weiß dieses – nur auf den ersten Blick kuriose – Phänomen inzwischen einzuordnen. Die Erfahrung von Gemeinschaft und Zugehörigkeit ist nie so unmittelbar, wuchtig und tief wie in Zeiten existenzieller Bedrohtheit. Kriegsveteranen sind mitunter den Rest ihres Lebens über arbeitsunfähig und psychisch krank – und zwar häufig auch dann, wenn sie eine reale Schlacht selbst nie erlebt haben. Was ihnen fehlt, ist eine ganz bestimmte Qualität von Bindung, Nähe, Kameradschaft, die mit Gefahren einhergeht, von derlei »gestiftet« wird. Ein Gefahrenereignis selbst ist dafür, wie diese Fälle lehren, gar nicht erforderlich. Die Situation – Gefahr – ist ein Trigger. ‚Wir waren glücklich’, sagen manche. ‚Und wir haben mehr gelacht.’ Die Welt, in der wir leben, und der Frieden, den wir haben, müssen schon ziemlich degeneriert sein, wenn jemand den Krieg vermisst. Und das sind nicht wenige.

Westlichen Gesellschaften liegt der Gedanke, ob wir keine anderen, alternativen Trigger finden könnten, um den gleichen sozialen Bindungseffekt zu erzielen, so fern wie Alpha Centauri. Keine Zeit, es gibt Dringenderes. Eigentlich wäre das eine Aufgabe für die Wissenschaft, zum Beispiel. (Oder die Kirchen? Abwegig, inzwischen.) Wissenschaft beschäftigt sich durchaus mit Krieg und dem merkwürdigen Nähe-Effekt, aber eben – auf unsere Art, westlich. Da lohnt ein näherer Blick. Wir zitieren eine Forschung aus dem Harvard Business Manager, Kontext St. Gallen, also keine Wald-und-Wiesen-Science.

O-Ton
„Ein Beispiel dafür [sich gegenseitig Kraft zu geben und eine starke gemeinsame Identität zu bilden] sind die Navy Seals. Wenn man zu Beginn der Ausbildung diese Elitesoldaten der US-Spezialeinheit fragt, wozu sie all diese Mühsal und Strapazen auf sich nehmen, antwortet die Mehrzahl der Befragten: ‚Für mein Vaterland.’ Das entspricht einer Beitragsorientierung. Fragt man nach sechs Monaten gemeinsamer Ausbildung erneut, sagen viele: ‚Für meine Kameraden.’ In dieser intensiven Zeit der Ausbildung, in der die angehenden Soldaten körperlich wie menschlich an ihre Grenzen gebracht werden, erfahren die meisten die Kraft des Miteinanders und finden Erfüllung in dieser Gemeinschaft.“ Für purposeorientierte Führung beinhalte diese Erkenntnis wertvolle Lernkurven (‚schaffe ein Umfeld mit hoher Beziehungsqualität’). Das bedeute auch, „dass Führungskräfte signalisieren, wer nicht zu dieser Identität passt, und entsprechend selektiv gegenüber neuen und aktuellen Teammitgliedern sind. So wird über die Zeit eine Einheit geschaffen, welche im positiven Sinne exklusiv ist und zu der sich die Teammitglieder zugehörig fühlen. Eine Gemeinschaft, die Kraft und Sinn ergibt.“

„Positive Exklusivität“ also als Leitbild für Purpose-Organisationen, Motto: Wir nehmen nicht jeden. Differenzierung gegenüber dem Rest. Abgrenzung, Blick nach innen auf uns selbst, elitäres Selbstbild züchten. Solches als Sinnstiftung zu verkaufen, hatten wir noch nicht. Sind Inklusions-Überzeugte unter unseren Leser:innen? Hier falsch. Nochmal klarer segmentiert für unsere Synapsen: Aus der sozialen Not heraus, dass unsere Wirtschaftsorganisationen vor lauter ödem Funktionalismus von innen heraus hohl, kalt, bedeutungsleer und damit wenig inspirierend, also potenziell unkreativ und damit innovationsleidend werden, nehmen wir uns zur Gegensteuerung die einzigen „Vorbilder“, die wir Modernen für soziale Kohärenz noch haben: Katastrophenszenarien, Kriege, die Truppe. Militarismus als Blaupause für Sinn- und Gemeinschaftsbildung – das ist ökonomische Premium-Wissenschaft im frühen 21. Jahrhundert. Wahnsinn.

Next sensegiving: Wissenschaftliche Purpose-Beiträge sind manchmal aber auch hellseherisch-richtig – und trotzdem falsch. Diese Sorte vermehrt sich gerade rasant, dazu ein Zwischenfazit

Deep Futures on the way

#C Bedeutung geben

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