#C als Trainingscamp für eine moderne Zeitenwende?

Eine lieb gewonnene Idee von Experten
Aus Soziologie und Öffentlichkeit (Beispiel A. Reckwitz) kommt immer wieder die These, wir hätten von #C eine Menge gelernt – zum Beispiel, sich schnell ändernde wissenschaftliche Meinungen auszuhalten (die Fachdebatten der Virulogen während #C), sich daran zu gewöhnen, dass Schlauer-Werden zu wissenschaftlicher Erkenntnis dazugehört, und dass der Meinungswechsel in den Wissenschaften – im Gegensatz zur Rede im Alltag – keine Profil- oder Ahnungslosigkeit, sondern notwendiger Wissensfortschritt ist. Ist das so? Lässt sich aus der Pandemie manch Denkanstoß gewinnen, der uns nach vorn bringt?

Wir finden: schon, aber anders als behauptet.

Denn es kommt darauf an, welchen Anspruch an Denkanstöße man stellt. So ist häufig ein Raunen vernehmbar, #C würde auch das Ökologiebewusstsein beflügeln, denn Krankheit habe etwas mit Biologie zu tun, und diese wiederum mit Ökologie. Schließlich gehe es hier um ein auf den Menschen übergesprungenes Virus. Auch die notwendige Aufrüstung des Gesundheitssystems habe etwas mit Ökologie, also mit unseren Beziehungen und dem Zusammenleben zu tun. Wie Staat und Gesellschaft für die Menschen sorgen, und wie schnell wir im Fall einer Pandemie reagieren können. Auf diesem Niveau scheint sehr viel mit sehr vielem zu tun zu haben, also auch #C mit Ökologie; da lassen sich zweifellos Denkanstöße generieren.

Mal ein bisschen Empirie…
Wir finden die Idee, dass #C unsere Grundeinstellung gegenüber Staat, Gesellschaft und „ökologischem“ Gesamtsystem berührt, sympathisch, logisch und folgerichtig, nur würden wir sie anders bestimmen, denn an Trivialität ist sie kaum überbietbar. Jenseits der zweifellos richtigen Plattitüde, dass das Meiste irgendwie mit allem anderen zusammenhängt, lässt sich dieses Gelände auch empirisch vermessen. Kürzlich wurde eine Studie über Einsamkeit veröffentlicht (Team Julia Becker, Uni Osnabrück). Die Politik hat das Thema – auch wegen #C – für sich entdeckt und schaut, was sich dagegen tun lässt. Überraschenderweise geht es dabei um Wirtschaft. Wissenschaftler wollten in einer Umfrage wissen, wie einsam sich Menschen fühlen und als wie wirtschaftsliberal sie die Gesellschaft empfinden. Ergebnis: Einsam fühlten sich diejenigen, die glaubten, in Deutschland herrsche große Ungleichheit, kaum soziale Absicherung und große Freiheit für Firmen. Wissenschaftstheoretisch liegt hier ein Henne-Ei-Problem vor: Vielleicht neigen Einsame ja schlicht dazu, die Gesellschaft als kalt und konkurrenzgetrieben wahrzunehmen?

Also sollte ein Experiment Klarheit über die Ursache-Wirkungsbeziehung bringen. Den Probanden wurden unterschiedliche Zukunftsszenarien vorgelegt, in die sie sich selbst ‚hineinimaginieren’ sollten, im Anschluss war ein Fragebogen auszufüllen. Die Szenarien selbst reichten von einem Staat, der Unternehmen kaum kontrolliert, wo die Menschen für sich selbst sorgen müssen, bis hin zu einer Welt, in der ein ausgeprägter Sozialstaat existiert, die Wirtschaft reguliert ist und die Ungleichheit gering.

… und was dabei herauskommt
Tatsächlich führte das wirtschaftsliberale Szenario dazu, dass sich die Probanden einsam fühlten. Das Empfinden, Konkurrent zu allen anderen zu sein, triggert das Gefühl der Einsamkeit. Eine Pointe dieser Studie: Das Ergebnis war unabhängig von sozialem Status (Einsamkeit trifft auch die, die in einem wirtschaftsliberalen Szenario eigentlich profitieren und es befürworten). Eine etwas mehr als zehn Jahre ältere internationale Studie kam zu gleichen Ergebnissen: Selbst den Reichen geht es in ungleichen Ländern schlechter. Liegen Einkommen näher zusammen, ist die Kriminalitätsrate geringer, Kinder lernen mehr in den Schulen und Menschen leben länger (Interview mit den Autoren über das Thema).

Was das mit #C und dem zeitgeistigen Mantra zu tun hat, wir lernten aus der Krise?
Es bezeichnet den Umstand, dass gekappte Sozialkontakte sowie staatlich verordnete Einsamkeit und Beziehungsarmut die Sichtweise auf Wirtschaft; auf staatliche Unternehmenshilfen; auf ertragreich wirtschaftende Konzerne, die zu Beginn der Krise als erste lauthals nach Unterstützung riefen; auf die staatliche „Abfederung“ von Produktionsengpässen bei der Impfstoffherstellung usw.; im mentalen Haushalt der Menschen vielleicht mehr verschoben haben als angenommen. Als

  • Wissenschaft und Experten nachfragen bzw. sich dafür interessieren
  • im Zusammenhang von #C-Politik, deren Kritik und #C-Verdrossenheit in der Öffentlichkeit wahrnehmbar ist, und als
  • der einseitige Fokus auf Virus, Gesundheit und Bewältigung das von sich aus nahelegt.

Die Denkanstöße, die #C gibt, werden derzeit bemerkenswert früh vorgefiltert, insbesondere durch die öffentliche Engführung auf zwei oder drei Fokusthemen, auf die sich die meisten bereitwillig konzentrieren. Wir können jedoch an anderen Katastrophen sehen, wie die Lernkurve verläuft: Einordnen und bewerten können Gesellschaften das i.d.R. erst weit weit im Nachhinein. Pandemie-Lektionen auf das Niveau von breiten, simplen Meinungen herabzustufen, sagt mehr über die Sehnsucht einiger Teile der Eliten aus als darüber, was wir aus #C lernen können. Die Sehnsucht nach dem New Normal ist offensichtlich groß, bei allen.

Ist #C also Trainingscamp? In welche Richtung es uns ertüchtigen wird, lässt sich im Augenblick nicht seriös bestimmen.  Offensichtlich aber ist, dass Themen wie Ökologie, Resilienz oder die Modernisierung des Gesundheitssystems in diesem Zusammenhang komfortabler zu stemmen sind als Systemdistanz. Die Tendenz zu solchem Framing ist aktuell deutlich wahrnehmbar. Memo aus der Zukunftsforschung: Was wir als Gesellschaft aus #C lernen wollen, können wir indes immer noch selbst bestimmen. Und genau das sollten wir auch tun, mit eigenem Fokus und unideologisch.

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