[Books]

Ökonomische Zukunftsforschung


Inspirations From Futures Research

Zukunftsforschung ist eine US-amerikanische Erfindung

Wir justieren sie europäisch um


Wie das noch nicht Denkbare denkbar, das noch nicht Mögliche möglich und das noch nicht Machbare machbar wird

Per Klick auf das Buch stimmen Sie zu, auf Amazon weitergeleitet zu werden. Details unter https://denkenaufvorrat.de/datenschutz/


Wir klären zum Beispiel erst einmal, wovon Zukunftsforschung eigentlich eine Wissenschaft ist. Nämlich von Zeit (nicht von Sachen oder Beziehungen). Uns interessieren ganz strikt und einseitig Gesetze und Regeln von Dynamik, Veränderung, Evolution, "Change", Wandel - im Vergleich zu Stabilität, Konstanz, Beharrung. Daher gehts hier nicht um Trends, sondern darum, wie ein Akteur (Unternehmen) etwas in Wandel bringt - und nicht, was als Wandel gerade zu sehen ist (Trend) und was man damit machen kann. Zukunftsforschung will Wandel initiieren - und zwar den, den sie (der Akteur) für wünschenswert hält.


Zukunft als Faszinosum: Reicht das?

 

Plans are useless, but planning is indispensable.
US-Präsident Dwight D. Eisenhower


Die durch und durch amerikanisch geprägte Zukunftsforschung grundiert ein Weltbild des Next, das auch in Europa und auch in den Wissenschaften heute zahlreiche Fürsprecher hat. Neben fiktiven Vorgriffen, disruptiven Ideen, Moonshots gibt es im US-amerikanischen Selbstverständnis, verglichen mit europäischen Strukturen, jedoch lediglich kulturelle Voreinstellungen: Der American Dream muss mit jeder nächsten Generation erst wieder neu gefüllt werden. Diese Ordnungen sind also wechselhaft, dynamisch undkatalysieren Wandel aus Prinzip. Am Beispiel der Ökonomie: So schnell man sich in der kalifornischen Bay Area für eine Idee entflammt, so schnell lässt man sie im Zweifelsfall auch wieder fallen. Dieses Wechselhafte erstreckt sich ebenso auf den Umgang mit Jobs oder Unternehmenszielen. Amerikaner schätzen das, denn: Sich einer Ordnung unterwerfen ist das Letzte, was sie wollen. Diese Zeiten haben sie in der neuen Welt hinter sich gelassen, so die Haltung – hier liegt geradezu der Gründungsmythos der Vereinigten Staaten, ihr Traum. Deshalb sind sie ausgewandert.

Aber reicht das? Das ist die Frage. Ob diese Radikalität nachhaltig lebbar ist und tatsächlich funktioniert: Den Haken im Himmel nicht nur entscheidungsfähig und disponibel zu machen beziehungsweise zu halten, sondern ihn grundsätzlich abzumontieren. Unternehmerisch ausgedrückt: Nicht die Organisation der Welt anzupassen, sondern die Welt der Organisation.


»Ich suche nicht -
ich finde

Pablo Picasso


Nicht nur Einstein rieb sich an der „Paradoxie“, dass ein Mensch, der seine besten Kräfte der Wissenschaft widme, „sozial betrachtet zum extremen Individualisten wird, der sich – im Prinzip wenigstens – auf nichts verlässt als auf sein eigenes Urteil“. Kurz darauf war es Picasso, der diese Beobachtung auf den Punkt brachte – nicht nur kunsthistorisch markiert er eine Zäsur. Was er entdeckt, stimmt ihn nicht euphorisch, sondern nachdenklich. Er sieht in voller Schärfe eine Crisis im Sinne einer entscheidenden Wendung, die mit diesem Schwenk zwangsläufig einhergeht:

„Heute sind wir in der unglücklichen Lage, keine Ordnung und keinen Kanon mehr zu haben, die die künstlerische Produktion bestimmten Regeln unterwerfen. [...] Sobald die Kunst jede Verbindung zur Tradition verloren hatte und jene Befreiung, die mit dem Impressionismus begann, jedem Maler gestattete, zu tun, was er wollte, war es mit der Malerei vorbei. Als man sich darauf einigte, dass es auf die Gefühle und Emotionen des Malers ankomme, dass jeder die Malerei neu schaffen könne, so, wie er sie verstand, ganz gleich, wo er begann, da gab es keine Malerei mehr. Es gab nur noch Individuen. [...] So muss jeder von uns alle seine Ausdrucksmöglichkeiten neu erschaffen. Jeder moderne Maler hat das vollkommene Recht, diese Sprache von A bis Z zu erfinden. Kein Kriterium kann a priori auf ihn angewandt werden, weil wir nicht mehr an strenge Maßstäbe glauben. In gewissem Sinn ist das eine Befreiung, aber gleichzeitig ist es eine ungeheure Begrenzung, denn wenn die Individualität des Künstlers beginnt, sich auszudrücken, verliert er das, was er an Freiheit gewinnt, an Ordnung. Und wenn du nicht mehr in der Lage bist, dich einer Ordnung zu unterwerfen, dann ist das im Grunde ein gefährlicher Nachteil“.

Genau das ist es – Risiken und Nebenwirkungen bislang unbekannt. Hier steht eine Weggabelung im Fokus, die vermutlich das 21. Jahrhundert prägen wird. Sowohl Einstein als auch Picasso haben auf den Punkt gebracht, wo das grundsätzliche Problem liegt: in einem Orientierungsvakuum. Dieses Vakuum wird fortan durch Neu- und Eigenschöpfungen (Konstruktionen) praktisch jedes Einzelnen und jeder Generation immer wieder »von vorn« bestimmt werden müssen (diese Einsicht fundiert Zukunftsforschung). Wir sind zur Exploration verdammt. Die US-Amerikaner scheinen hier die Nase vorn zu haben, denn die USA praktizieren dieses Prinzip seit ihrer Gründung. Entspricht es aber einer alten Geschichtskultur wie derjenigen Europas? Und wie sähe eine europäische Zukunftsforschung alternativ dann aus?


Picasso, Mädchen vor dem Spiegel, 1932. Wiki, Permission: fair use

Frühe VUCA-Kunst: Gesicht sowohl im Profil als auch frontal, tagsüber wie nachts, jünger wie älter, Fremdbild vs. Selbstbild


Lernen, wie »Raum« subjektiv, d.h. möglichkeitslogisch (nicht sachlogisch) funktioniert: Die drei Raumdimensionen kippen ineinander


Antezipationen (ante capio) sind fiktive, gedankliche Vorgriffe. Wir stellen dabei Bekanntes in Zusammenhänge, die mit diesem Bekannten entweder nichts zu tun haben, oder die noch kaum zu erkennen und undeutlich sind, oder wir nutzen direkt unser Vorstellungsvermögen und entwickeln Fantasien, »radikale« Ideen. Dabei wird konsequent akkomodiert: nicht auf sachlogischer Ebene gedacht (wie bei der Prognostik, bei der das Denken grundsätzlich auf Erfahrungswerte beschränkt bleibt), sondern auf mehreren Ebenen. Der Grafiker M. C. Escher hat diese Mehrebenen-Wahrnehmungen, obwohl ihnen keinerlei irdische Realität entspricht, in zahlreichen Varianten illustriert.


Wissenschaftliche Zukunftsforschung erzeugt mit Hilfe kognitiv kontrollierter (!) Fiktionen Vorstellungswelten, die - um es in der Diktion der Enterprise zu sagen - noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Die bloß dank Virtual Reality und Künstlicher Intelligenz inzwischen längst Realität geworden sind! Wir benutzen dazu jedoch keine Abkürzungen mehr - das ist der Anspruch. Kein LSD, keine Esoterik, keine »Intuition« (die hoch im Kurs steht, weil sie eine komfortable Abkürzung verspricht und wir uns mit ihr den Mühen komplexitätsadäquaten, rational aufgestuften Denkens gar nicht erst unterziehen müssen), und kein Ausweichen hin zum Methoden-Bauchladen der immer neuen Trend-Tools.


Quelle: Anklicken [Dr. Strange, Trailer]

Wenn der inzwischen erreichte Zivilisations- bzw. Technologiestandard es erfordert, die Realität zu übersteigen, muss sich das Denken ändern. Mit „Wissen“, „Erfahrung“ und darauf beruhender „Intuition“ kommen wir dann nicht mehr weiter - das macht das Skandalon wissenschaftlicher Zukunftsforschung aus. 

Und deshalb polarisiert sie: Die einen haben Angst, dem, was da auf uns zukommt, nicht zu genügen und verleugnen sie. Das ist nicht verwerflich oder kritikwürdig, sondern menschlicher Selbstschutz: Anders Denken hat bisher niemand gelernt. Kein Curriculum der Welt lehrt es. Die anderen sind verhalten bis euphorisch neugierig (Letzteres ist genauso unangebracht, weil verfrüht: Wir haben inzwischen vor allem viele elektrisierend gute neue Fragen, aber noch wenig Antworten).

Was insgesamt immense Chancen schafft für diejenigen, die bereit sind, auf Vorrat zu denken.


Blog Sensegiving ’21

Next Project

See More