[Preconomics]

Future Learning

Das Unbekannte Denken lernen


Wie kann man etwas denken lernen, das man noch gar nicht kennt? 

Der Entwicklungspsychologe Jean Piaget hat bereits in den 1950er Jahren eine treffende Unterscheidung zwischen zwei kognitiven Lernarten getroffen:

Assimilation (Anpassung): Das Kind schaut sich das Verhalten der Eltern ab und übt sich darin, es ihnen gleichzutun („Mimesis“).

Akkomodation (situativ-flexible Dauer-Nachjustierung): Ähnlich, wie sich das Auge auf Fern- oder Nahsicht in jedem Augenblick neu einstellt und Entfernungen „akkomodiert“, überträgt das Kind sein erlerntes Wissen – je älter es wird, desto erfolgreicher – auf andere Situationen und in wissensfremde Kontexte. Es wendet also etwas, das es weiß, in Umfeldern an, die es nicht kennt, und „matcht“ damit Bekanntes mit Unbekanntem. Es lernt, in Kontexten, in denen es über keinerlei Erfahrung verfügt, trotzdem erfolgreich zu handeln.


Wenn also innerhalb der nächsten Jahrzehnte ein erstes Team der bemannten Raumfahrt den Mars erkundet, kann es diese existenziell-neuartige Situation praktisch nicht assimilierend, jedoch in erheblichem Maße akkomodierend bewältigen: Es nutzt fiktives Wissen und Antezipationen aus der Vorbereitung, wie es dort wohl sein wird („what-if"), vor Ort dazu, sich situationsgerecht zu verhalten. Die Maxime „Learning by doing“ spielt auf solches akkomodierende Lernen an.

Quelle: www.nasa.gov

Education is not the learning of facts, but training the mind to think.

Albert Einstein


Und die Unternehmen?

Die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens liegt nicht in seinem Sachwissen über das Profil seines künftigen Marktes; das ist vielmehr das (alte) Weltbild traditioneller Marktforschung. Das behaupten zwar nach wie vor die Wirtschaftswissenschaften; Unternehmen, die seit Jahrzehnten Corporate Foresight betreiben, aber schon lange nicht mehr. Gary Hamel und C. K. Prahalad haben bereits 1994 („Competing for the Future“) diesen Irrtum abgeräumt, nur wird bis heute das Argument überhört: Die existenzielle Absicherung einer Wirtschaftsorganisation finde heute in der Markt-Vorphase statt. In jener Etappe also, in der noch kein ökonomisches, sondern erst einmal intellektuelles Kapital gebildet wird. Die beiden Management-Vordenker sprachen schon vor mehr als zwanzig Jahren von Vormarkt-Wettbewerb („Premarket Competition“): Und damit von demjenigen für das Unternehmen überlebenswichtigen Entwicklungsstadium, in welchem dem künftigen Unternehmensumfeld oder Unternehmensanspruch gedanklich vorgegriffen wird (beziehungsweise werden muss - innovationsbedingt).

Soll heißen: 'Preconomisches' Denken sprengt die Zwangsjacke unserer (hier speziell ökonomischen) Erfahrungen, die auf bisherigen Sinneserlebnissen beruht. Wenn die Situation aber radikal neu ist, kann uns unsere Erfahrung aus der Vergangenheit sogar in die Katastrophe führen - ohne, dass wir dies bemerkten; wir kennen ja nichts anderes. Dieser Gedanke ist für gegenwärtige Diskurs-Eliten absurd: nicht denkbar. Die europäische Grundidee von Rationalität (genauer: die vorerst recht erbärmliche Schwundstufe davon) erlaubt es auf unserem gegenwärtigen Niveau nicht, in Sachen Geltungsrelevanz (»Wahrheit«) eine Fiktion über empirische Fakten zu stellen; und zwar auch dann nicht, wenn dies reflexiv-kontrolliert geschieht, nur unter bestimmten Bedingungen.

Bei uns gilt: Erfahrung sticht immer. Grundsätzlich. Alternativlos. Alles andere sind Fake News. Dass hier überhaupt ein Problem lauert, ist derzeit kaum vermittelbar.



Lernen, wie »Raum« subjektiv, d.h. möglichkeitslogisch (nicht sachlogisch) funktioniert: Die drei Raumdimensionen kippen ineinander

Antezipationen sind solche fiktiven, gedanklichen Vorgriffe. Wir stellen dabei Bekanntes in Zusammenhänge, die mit diesem Bekannten entweder nichts zu tun haben, oder die noch kaum zu erkennen und undeutlich sind, oder wir nutzen direkt unser Vorstellungsvermögen und entwickeln Fantasien, »radikale« Ideen. Dabei wird konsequent akkomodiert: nicht auf sachlogischer Ebene gedacht (wie bei der Prognostik, bei der das Denken grundsätzlich auf Erfahrungswerte beschränkt bleibt), sondern auf mehreren Ebenen. Der Grafiker M. C. Escher hat diese Mehrebenen-Wahrnehmungen, obwohl ihnen keinerlei irdische Realität entspricht, in zahlreichen Varianten illustriert.


'Vor-ökonomisches' Denken steigt aus dieser gegenwärtigen Schwundstufe rationalen Denkens - und damit aus der gegenwärtigen Wirtschaftsrealität - aus. Es simuliert einen Zustand vor aller Erfahrung, der es erlaubt, Denken und Wahrnehmen nicht durch Erlerntes und Gewesenes vollständig kontaminieren zu lassen. Falls erforderlich, ersetzt es biologisch-physisch zustande gekommene Erfahrung durch die antezipative Kalkulation mit Fiktionen.

Fliegendes Auto: VAHANA, Airbus (Studie). ANKLICKEN: Aktuelles dazu

Wissenschaftliche Zukunftsforschung erzeugt mit Hilfe kognitiv kontrollierter (!) Fiktionen Vorstellungswelten, die - um es in der Diktion der Enterprise zu sagen - noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Die bloß dank Virtual Reality und Künstlicher Intelligenz inzwischen längst Realität geworden sind! Wir benutzen dazu jedoch keine Abkürzungen mehr - das ist der Anspruch. Kein LSD, keine Esoterik, keine »Intuition« (die hoch im Kurs steht, weil man sich mit ihr den Mühen komplexitätsadäquaten, rational aufgestuften Denkens gar nicht erst unterziehen muss), und kein Ausweichen hin zum Methoden-Bauchladen der immer neuen Trend-Tools.


Quelle: Anklicken [Dr. Strange, Trailer]

Wenn der inzwischen erreichte Zivilisations- bzw. Technologiestandard es erfordert, die Realität zu übersteigen, muss sich das Denken ändern. Mit „Wissen“, „Erfahrung“ und darauf beruhender „Intuition“ kommen wir dann nicht mehr weiter - das macht das Skandalon wissenschaftlicher Zukunftsforschung aus. 

Und deshalb polarisiert sie: Die einen haben Angst, dem, was da auf uns zukommt, nicht zu genügen und verleugnen sie. Das ist nicht verwerflich oder kritikwürdig, sondern menschlicher Selbstschutz: Anders Denken hat niemand gelernt. Die anderen sind verhalten bis euphorisch neugierig (Letzteres ist genauso unangebracht, weil verfrüht: Wir haben inzwischen vor allem viele elektrisierend gute neue Fragen).

Was insgesamt immense Chancen schafft für diejenigen, die bereit sind, auf Vorrat zu denken.


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