[Preconomics]

Zugriffe auf Zukunft

Künftige Wirtschaft vorwegnehmen

Zukunftsforscherische Zugriffe auf Zukunft sind Vorstellungsweisen, die es schaffen, das, was jeweils aktuell unter Normalität, Bekanntem und Gewohntem verstanden wird, zu übersteigen. 

Dabei geht es um Antezipationen. Distanzieren sich Unternehmen vom Umgang mit unserem europäisch-eindimensionalen Denkstil aus alter Tradition: dem Glaubenssatz ‚was noch gar nicht da ist, kann man auch nicht beforschen‘, geraten sie ökonomisch in Zonen, »die noch nie zuvor ein Mensch gesehen hat«.
Apple      Voith

Es gibt inzwischen zahlreiche Studien über Zukunftswahrnehmungen; das heißt, wie man es schafft, aus dem jeweils heutigen Denken auszusteigen. Die Hippies, Timothy Leary & Co., versuchten das mit Hilfe von Drogen, die spirituellen Traditionen Asiens üben sich seit Jahrtausenden darin.
China & Indien

Können wir das auch - nüchtern, bewusst und strategisch?

Sigmund Freud war unter den Pionieren, die sich erstmalig einen rationalen Zugang zum »Unbewussten« zu verschaffen versuchten. In der wissenschaftlichen Zukunftsforschung bildete einer der (viel späteren) Startpunkte die Forschung des schwedischen Neurophysiologen David H. Ingvar, der von 1953 - 1983 an der Universität in Lund lehrte. Er beschäftigte sich mit den Zusammenhängen zwischen dem Gehirn und unserem Denken einerseits sowie der Zeit, speziell der Zukunft und dem freien Willen andererseits. In einem breit diskutierten Artikel »Memory of the Future« von 1985 beschreibt er, wie Menschen zukunftsintelligent handeln: nämlich dadurch, dass sie ihre »Erinnerungen an die Zukunft« (= Antezipationen: Vorstellungen, die sie sich über das auf-sie-Zukommende in fiktionalen Probedurchläufen machen) in Situationen, in denen dieses auf Vorrat Vorbedachte relevant wird, »im Gedächtnis besuchen«; nur dass »Gedächtnis« hier einen Zukunftsspeicher meint, keine Ablage vergangener Erfahrungen.

Es ist generell eine Frucht der Gehirnforschung, dass wir heute wissen, dass das menschliche Gedächtnis zeitlogisch neutral ist, d.h. vorwärts wie rückwärts funktioniert. Die grundlegende Erkenntnis, dass Menschen ihre je subjektiv-relevanten Zukünfte mental speichern und im Handeln über sie verfügen beziehungsweise einsetzen können, war in der wissenschaftlichen Zukunftsforschung ein Durchbruch für eine lange Reihe unterschiedlich aufwändiger Antezipationstechniken. Auf dieser Seite finden Sie Beispiele speziell für ökonomische Niederschläge und Spiegelungen dieser neuartigen Sicht auf künftige Dinge.
Finanzbranche


Zugriff auf Zukunft via Moonshots 

Ein Methoden-Beispiel für radikale Antezipationen sind sogenannte „Moonshots“: Innovationsfluchtpunkte, die sachlogisch nebulös bleiben oder sogar unmöglich erscheinen, zeitlogisch aber höchst ambitioniert sind. Völlig „anders“, mitreißend, fesselnd, anziehend und verheißungsvoll. Extreme Relevanz, kaum Präzision - und das macht nichts: Nicht nur die Mitarbeiter dieser Konzerne arbeiten fanatisch an »Mondschüssen«, sondern auch deren potenzielle künftige Kunden, die nur vage von diesen Extrem-Visionen hören, beobachten fasziniert jeden Fortschritt. Sachlich können Moonshots praktisch nicht erklärt werden, mitunter wirken sie verrückt. Zeitlogisch dagegen werden sie zum Anlass immenser Investitionen: Den Anhängern sind sie es wert. Dieser seltsame Zusammenfall von Unklarheit und geradezu magischem Sinn ist kein Paradox (wie hierzulande jedoch ständig behauptet wird, weil logisch-kulturell nur zweiwertiges Denken zur Verfügung steht), denn die logischen Maßstäbe liegen auf völlig verschiedenen Ebenen.

Zugriff auf Zukunft in der Mixed Reality

Menschen, die Gelegenheit hatten, die derzeit in Entwicklung befindlichen 3D- und Augmented Reality-Technologien auszuprobieren, haben das Prinzip des die-Gegenwart-Übersteigens bereits kennengelernt. Solche Produkte erfinden Erleben neu. Sie begründen ein erstes Fundament von authentischer und gleichzeitig künstlich induzierter Emotionalität und in-der-Welt-Sein. Das Bewusstsein darüber, dass das geht: Welt nicht via eigener Körperlichkeit, sondern mit Hilfe maschineller Exoskelette zu erfahren, ist verwirrend - und mit Recht beängstigend. Niemand vermag zu ermessen, was die beginnende Loslösung des Bewusstseins vom Körper für den Menschen bedeutet.


Und wie funktioniert das: auf Basis verschiedener logischer Maßstäbe zu antezipieren? Ganz einfach. Wenn mehrere logische Ebenen als möglich gelten, sozusagen legitim und erwartungsstrategisch eingepreist sind, ist das dominate Muster, das zunächst wahrnehmbar ist, vorläufig, volatil und ungewiss. Es kann jederzeit brechen. Und die Optionalitäten, die mit dieser Einsicht, dieser erweiterten Erwartungshaltung kalkulierbar werden, lassen sich methodisch-systematisch bearbeiten. (Am anschaulichsten wird das in der Mathematik: Ebenensprünge sind zwar ungewöhnlich und mitunter sogar ängstigend-erschreckend, nichtsdestotrotz aber nicht nur möglich, sondern auch logisch.)

 

Science Fiction-Bearbeitung des Prinzips, den menschlichen Geist strategisch zu nutzen


Preconomics®: Forschung, Kosmologie

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Zugriff auf Zukunft von Apple 

Bis heute ist die Zeit unter Steve Jobs das Paradebeispiel für diesen Mechanismus: für einen - innovationsmethodisch wie führungstechnisch - hoch elaborierten, neuartigen Zugriff auf Zukunft. Die seinerzeit als ästhetische Revolution, auch in Sachen Usability, wahrgenommene Idee von Personalcomputern als technologischem Sinnangebot - inklusive ‚vom Künstler‘ in jedem Gerät signierter Festplatte sowie einem spirituell aufgeladenen Marketing, das eine neue süße Frucht bzw. die nächste Vertreibung aus einem schlecht oder untertechnologisiertem Paradies feilbot - ist einzigartig. Apple-Produkte luden über viele Jahre ein zu einer Konversion: zum Übertritt des Kunden in eine neue Welt. (Dass sich dieser Spirit heute weitgehend verloren hat, zeigt auf, wie extrem eng solches Unternehmertum an individuell-subjektiven Ideen und Überzeugungen hängt; an der rigorosen und kompromisslosen Ausrichtung der gesamten Wirtschaftsorganisation an ihnen.)

Zugriff auf Zukunft von Voith

Der Maschinenbauer aus Heidenheim, Weltmarkt-Akteur, hat das Selbstverständnis der eigenen Branche für sich (!) umjustiert und das, was das Unternehmen unter „Spitzentechnik“ versteht, neu definiert. Die Überlegung: Wenn die Firma in den sogenannten ‚Emerging Markets‘ mitspielen will, gelten Qualitätsstandards, Gütekriterien, Bedürfnisbestimmungen und Kundenorientierungen der Emerging Markets - und nicht der jahrzehntelang selbstreferenziell vor sich hin gewachsenen deutschen, an Perfektionismus, bestem Material, höchster Qualität und Produkt-Langlebigkeit orientierten Ingenieurskultur. „Beste Produkte“ begeistern uns, aber beispielsweise keine Inder, die mit schlechten Straßen, ständig zusammenbrechenden Stromnetzen und unvergleichlich geringen Budgets zurecht kommen müssen.

Die Zukunftswahrnehmung: Statt Weltmarktführer in Sachen Qualität und Perfektion innerhalb ‚der‘ globalen Ökonomie werden zu wollen (logischer Unsinn / blinder Fleck), will man künftig in den vielen bunten und von ganz unterschiedlichen Entwicklungsniveaus aufstrebenden Ökonomien der Exportweltmeister sein (Lektüre). Das ist Future Perception: Best-in-class-Qualität zu bemessen am relevanten ökonomischen Kontext, also an dem Relevanzverständnis des Kunden, nicht an der universalistischen, angestaubten BWL-Definition aus dem International-Management-Lehrbuch.

Zugriffe auf Zukunft in China und Indien

Leider sind in Europa solche exzeptionellen Umgangsweisen mit der globalisierten Welt kaum zu beobachten - in anderen Ländern dafür in rasant steigender Häufigkeit. In China ist bereits jedes zehnte Auto ein Elektroauto, Kostenpunkt ca. 3.000 Dollar. In Indien produziert der Hersteller Godrej, ein traditions- wie visionsversessenes Unternehmen, Kühlschränke (mit einer neuartigen Technologie) für 49 Dollar das Stück. Die antezipative Zugkraft dahinter bilden keine Trendanalysen, Kalkulationen künftiger Zahlungsbereitschaften oder Wertewandelforschung - und damit dasjenige, was hierzulande im Wesentlichen unter Corporate Foresight verstanden wird -, sondern ein eigener 'Moonshot' von einer anderen indischen Gesellschaft. (Dafür hier ein Beispiel zur Moskito-Bekämpfung - eigentlich aber zur Ausrottung von Malaria)

Selbstverständlich: Das ist Marketing! Bloß ist Marketing logisch nicht das Gegenteil von ernst gemeinten ökonomischen Zukunftshorizonten. Dass Marketing auch Transmissionsriemen und Katalysator sein kann für sozialen Wandel, ist hierzulande moralisch nicht satisfaktionsfähig: Entweder neoliberale Ideologie oder direkt Lobbyismus. Für alternative Bewertungen von 'Newness' gibt es in Europa keinen (Denk-) Raum.

Das Silicon Valley lehrt jedoch, dass Ökonomie die Welt verändern kann - Zeit, unsere europäischen Blindstellen zu bearbeiten! Solange deutsches Zukunftsdenken dem vor-uns-Liegenden noch mit Cross-Impact-Matrizen und - aus Ermangelung an Fantasie und Zutrauen in die eigene Gestaltungsmacht - mit anstaltsmäßig organisierten Zwangsinspirationen (Kreativitätstechnik, Inno-Labs, Nerds und ganz viel Kunst) zu Leibe rückt, sind radikal andere Zukünfte noch fern.

Was für Chancen für unternehmerische Weltveränderer!

Zugriff auf Zukunft in der Finanzbranche 

Die Finanzbranche ist für Antezipationen kaum zu haben: Hier wird traditionell gerechnet, kalkuliert und Wahrscheinlichkeit bearbeitet. Führende, erfolgreiche Finanzanalysten qualifizieren ihre Zahlenprognosen in Richtung sozialer Relevanz daher anders. Nämlich dadurch, dass sie - auf den ersten Blick entlegen scheinende - Faktoren wie die politische Lage, das Wetter oder jüngste Siege der jeweils wichtigsten Sport-Liga systematisch mit einpreisen. Was methodisch bedeutet, Märkte dadurch zu bewerten, dass man einen Großteil des Tages damit verbringt, Zeitung bzw. im Internet zu lesen, Bloomberg-TV zu schauen und, wie sie es nennen, ein Gefühl für den Markt zu entwickeln. Dabei wird (noch) nicht gerechnet: Die Möglichkeiten der Kalkulation sind begrenzt und Prognosen fehleranfällig. Aktuelle Zahlen besagen nichts über die Weiterentwicklung des Marktes. Protestbewegungen wie "Occupy Wall Street" und andere Indikatoren für Widerstände werden intensiv diskutiert: Was sagen diese Proteste über die Gesellschaft aus? Was könnte das in Zukunft für die Märkte bedeuten? Die erfolgreichsten Prognose-Algorithmen berücksichtigen ein Bündel extrem komplexer Einflussfaktoren auf Märkte; wobei soziolgische oder sozialpsychologische mitunter stärker gewichtet werden als ökonomische.